Hildesheim, 10. Juni 2012

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"Oh happy day" - Hannoversche Landeskirche feiert erstes Kirchenmusikfestival "Gottesklang"

"Der Gospel haut einen einfach um."

Hildesheim (epd). Rund 1.500 Menschen reißen die Arme hoch in die Luft und klatschen im Takt der Musik. Aus voller Kehle singen sie im Freiluft-Gottesdienst den Gospelsong "Oh happy day" und bringen dabei den Marktplatz in Hildesheim zum Schwingen. Unter dem Motto "Gottesklang" veranstaltete die hannoversche Landeskirche am Sonnabend erstmals ein Musikfestival als Teil des Themenjahres der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur Kirchenmusik.

Von klassischen Chorälen bis hin zu Jazz, Funk und Tango: Bei strahlendem Sonnenschein erlebten rund 5.000 Menschen, die von der ostfriesischen Küste bis zum südniedersächsischen Harz nach Hildesheim kamen, ein vielfältiges Programm. Unter ihnen auch der 59-jährige Matthias Werth: "Der Gospel haut einen einfach um", sagt er bewegt.

Beim zentralen Gottesdienst auf dem Marktplatz spielt der Landesjugendposaunenchor neben einer Gospelband und singen Kinderchöre mit Erwachsenen. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister betont in seiner Predigt, das Musik mit ihren unterschiedlichen Richtungen alle Menschen ergreife. Jeder habe ein eigenes Lied. "Diese Vielfältigkeit müssen wir fördern."

Bischof Meister: "Wir verändern mit unseren Liedern die Welt."

Auch die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr mahnt, dass Kirchen und Politiker den musikalischen Nachwuchs in Schulen und Gemeinden fördern müssten. "Es gibt bald keine Organisten mehr, immer weniger Kantorinnen, Chorleiter und hauptberufliche Kirchenmusiker."

Dabei sei die Kirchenmusik besonders auf dem Land ein wichtiges Kulturgut. Dass Kinder sich spielend leicht für Musik begeistern, zeigt sich währenddessen im sogenannten "Klanggarten" des Instrumentenbauers Jochen Faßbender. Valerie (11) und Jasmin (8) tauchen ihre Finger ins Wasser und streichen anschließend sanft über Röhren aus Glas. Helle, sanfte Töne erklingen und die beiden Mädchen, die den Ton auch an ihren Händen spüren, strahlen über das ganze Gesicht.

"Spielen ist nicht etwas Belangloses, sondern etwas Kreatives", sagt der 55-Jährige überzeugt. So probiert er immer wieder neue Klänge beispielsweise von Kaffeetassen und Stühlen aus. Ein anderes Instrument aus Kupferröhren gibt helle, sphärische Klänge von sich. Diese Töne helfen oft bei der Begleitung sterbender Menschen, sagt Faßbender. Musik gebe den Menschen Kraft, besonders in Momenten der Trauer und Verzweiflung und Sprachlosigkeit, sagt auch Landesbischof Meister. Die 70-jährige Gottesdienstbesucherin Christa Maschmeyer nickt bei seinen Worten kaum merklich.

"Die Musik hat mir geholfen, den Verlust meines Enkelkindes zu verarbeiten", sagt sie. Maschmeyer, die aus dem mehr als 200 Kilometer entfernten Oldendorf angereist ist, singt seit mehr als 37 Jahren im Kirchenchor. Landesbischof Meister stellt zudem die politische Bedeutung von Musik heraus. Lieder seien oft Zeichen von Widerstandskraft auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und Atomendlager und für den Frieden. Viele applaudieren zustimmend bei seinem abschließenden Satz: "Wir verändern mit unseren Liedern die Welt."

Rund 1.000 Musiker verändern an diesem Sonnabend zunächst das Hildesheimer Stadtbild. Nach dem Gottesdienst wehen die Klänge bis in die Abendstunden durch die Straßen und lassen Passanten aufhorchen und, wie es bei einem Gospel-Workshop heißt: "den groove fühlen".